Als die Schwindelfreiheit der Stabeler-Buben geprüft wurde
(in Südtiroler Mundart)
Einer von den Zwillingsbuben des Stabeler sollte mit dem Schneidervetter nach Lienz zur Lehre gegeben werden. Der Much denkt sich, wenn einer von den Buben die nötige Schwindelfreiheit nicht besitzt, so soll er mit dem Vetter in die Schneiderlehre.
Keiner von den Buben wollte natürlich nicht in die Lehre nach Lienz.
"Wart lei, Vetter", sagt der Stabeler, mier werden hiaz glei den richtigen ham. I mueß lei die Schwindelfreiheit no ausprobieren. Dös ischt bei an Bergführer allmol dös Erschte!"
Dann winkt er den Buben und steigt mit ihnen die Staffeln hinauf zum Kirchturm.
"Marsch!", schreit er die Buben an und schiebt sie über die Leiter hinauf.
"I hab nix tan, Vater", sagt der Much und hält schützend die Hand über seinen Haarschopf.
"I aa nix!", sagt der Joch.
Der Vater schweigt. Über die Glockenstube steigt er hinauf, bis zum höchsten Windloch. Dann faßt er den Much hinten beim Hosenbund, wie man eine Katze aufhebt bei der Bucklfalten, und schwingt den Buben hinaus in die freie Luft. Der Much läßt geduldig Händ und Haxn hängen und wartet. Als er noch immer keinen Muckser macht, beginnt ihn der Stabeler hin-und herzuschwingen. Endlich, nach einer Weile, sagt der Much: "Vater --"
"Hiaz kimmts", denkt der Stabeler.
"Vater, dem Kirchenwirt sein d'Säu auskemmen!"
"Der Much ischt es nit!" denkt der Stabeler und stellt ihn wieder in die Turmkammer. Dann schwingt er den Joch aus dem Windloch hinaus. Der Joch hängt eine Weile still über der Tiefe, dann fragt er: "Vater?"
"Was willst?" fragt der Stabeler schnell, "bischt epper türmisch?" (Gosauerisch: tirimisch)
"Vater, tuet mi aa so hutschen wie den Much!"
"Hutschts enk selber!" brummt der Vater, stellt den Joch wieder nieder und stapft die Stiegen herunter. "Vetter", sagt er unten zum Schneider, "gar so gnätig wird der Handel nit sein. Hiaz ischt amol Zeit zum Knödelessen, kimm!"
"I hab schun gmoant, du schmeißt mir oan ober", meint der Schneider.
"Na", sagt der Stabeler verdrossen, "es schwindelt koaner."
Während der Schneider und der Stabeler nach dem Knödelessen beim Pfeifenrauchen sitzen und der Stabeler schon dafür ist, daß der Schneider sein Guldenstückl wirft - "Kopf oder Adler", "Joch oder Much" - ist auf einmal die ruhige Gegend voller Lärm und Geschrei. Die beiden Stabeler-Buben haben in der Zwischenzeit die Felswand, die draußen vor dem Dorfe liegt, durchstiegen.
"Was schreien sie?" fragt der Schneider. "Loos lei!" sagt der Stabeler.
Und dann hallt es über das ganze Dorf hin: "Vivat hoch, der Much und der Joch!"
Dann treten die Buben aus dem Zug aus und pflanzen sich vor dem Vater auf.
"Vater", sagen sie, "mier wöllen koane Schneider nit werden, ganz und gar nit!"
Der Stabeler steht auf. "Der wölle hat die Wand packt?" fragt er.
"Alle zwoa!" schreit der ganze Haufen.
"I frag, der wölle z'erscht auen ischt?"
"Alle zwoa z'gleicher Zeit!"
Da wendet er sich zum Schneider hin. "Vetter", sagt er, "i hab mir's hiaz überlegt. Von meine zwoa Bueben taugt koaner zum Schneidern!"
Als der Schneider mit seinem Stadtwäglein aus dem Dorfe kutschiert, hört er den ganzen Zug hindreinschreien: "Der Much und der Joch - Vivat hoch, hoch, hoch!"
aus dem Büchlein "Am Seil vom Stabeler Much"
2.Kapitel "Vivat hoch, der Much und der Joch"
mit freundlicher Genehmigung von Dr. Wolfgang Laserer - ein Gosinger Bergsteiger
Klettern in der Ostwand des Haunold
Wie die beiden Stabelerbuben an einem Herbsttag heimlicherweis in der Ostwand des Haunold klettern, bei den Schrofen über der langen Schuttrinne, fällt der Joch aus der Wand und stürzt ab.
"Du Dolm!", sagt der Much, "wo willst denn jetzt hin?"
Aber der Joch kann nichts mehr sagen; denn er ist schon auf dem Weg hinunter ins Kar.
"Du Dolm", redet der Much fertig und schaut dem Bruder nach, wie er überdie Schrofen purzelt, "was laßt denn aus?"
Dann steigt er über die Felsen hinunter, dem Joch nach, ins Kar. Wie er vor dem Joch steht, der, Händ und Haxn weit von sich gestreckt, als würden sie nicht mehr zu ihm gehören, im Schutt liegt und kein Lebenszeichen mehr gibt, sagt er: "Wegen dem brauchst nit glei hin sein!" Der Joch gibt keine Antwort. Ein dicker Faden Blut kommt aus seinem Munde und fließt über den Stein.
"Waarst halt a Schneider worden, du Dolm!" schimpft der Much. "Da kunnst dir lei die Nadel ins Fingerspitzl stechen oder mit'm Bügeleisen die Hinterseiten verbrennen, bal du di zur unrechten Zeit draufhuckst. Da brauchest hiez nit daliegen und hin sein!"
Wie aber der Joch noch immer kein Lebenszeichen gibt, wird dem Much höllenangst. Er stößt den Joch mit dem Fuß an und schreit: "Hiez leb wieder, du Dolm, du damischer, aber g'schwind!"
Da dringt ein tiefes Stöhnen aus der Brust des Joch. Er legt sich mühsam um und schlägt die Augen auf. Das Blut fließt noch immer aus seinem Mund. Der Rock ist zerfetzt. Die Hand ist aufgerissen. Das zerschundene Knie schaut durch die lodene Hosen. Die Augen sind noch voller Schrecken.
"Die neue Sunntagshosen!" sagt der Much.
Der Joch weiß noch nicht, wo er ist. Er greift mit den Händen um sich und blickt die steile Schuttrinne empor, über die Felsbänder und Schrofen, über die er herabgekommen ist.
Dann wischt er sich das Blut aus dem Gesicht und sagt: "Much, mier brauchen a Seil!"
Mit dem Seil der Totenglocke
Am nächsten Sonntag, als der Vater in der Frühmesse ist, dringen die Buben in seine Kammer ein. Sie schieben den Riegel von innen zu und schauen. Da zeigen die Steigeisen ein ganzes Regiment wilder Zähne und Zacken. Schneereifen sind breit an die Wand gehängt. Darüber stehen kreuzweis die zwei Eispickel und rundum ist das Führerseil. Es ist sorgfältig und genau zu einem schönen Kranz geflochten. Der Much loost hinaus auf den Hausgang. Dann nimmt er das Seil vom Nagel und hängt es sich quer über die Schulter.
"Nobel", sagt er und geht mit großen Schritten auf und ab. Das Seil reicht ihm über die Knie hinab, fast bis an den Boden.
"Laß mi hiez", sagt der Joch, hängt sich das Seil über und nimmt einen Eispickel in die rechte Faust. "Wia a Mensch glei anders ausschaugt, bal er richtig anzochn ischt", sagt der Much und bewundert den Joch, wie er stolz dahersteigt.
"Hiez schaug'n m'r, wo s'Schwanzl ischt!" sagt der Joch. Sie zupfn den Schlußknopf auf und ziehen das Seil heraus. "Dös ischt das End", flüstert der Joch.
"Na", sagt der Much, "dös ischt der Anfang. Hiez müess' m'r schun weitertüen! 's Seil hört nimmer auf, bis es gar ischt!"
Wieder horchen sie eine Weile. Hintaußen im Stall schüttet die Dirn den Säuen das Trank vor. Sonst ist es überall still. Nach ein paar Seilübungen; Seil anlegen, übern Kleiderkasten auf-und abseilen; hören sie die Glocken zum Segen läuten. Schnell flechten sie den Zopf wieder zusammen und hängen das Seil wieder an die Wand.
Am Abend sitzen sie im Wipfel des Nussbaumes und schauen hinauf, wie die letzte Sonne in der Wand des Haunolds brennt.
"A Seil mueß her!" -
der Much streckt sich im Wipfel auf, schaut über das Dorf hin und mustert prüfend Dach für Dach, eines nach dem andern. Es dauert lange. Schließlich bleibt sein Blick an dem Kirchturm hängen.
"Morgen wird nit grad einer sterben!" sagt er.
"Warum denn sterben!"
"Wegen der Totenglocken."
"Totenglocken?"
"Du Dolm, mier künnen do nit den Strick von der Elferglocken nemmen, wia soll denn da der Mesner Elfeläuten!"
"Hiez versteh i di", sagt er und überlegt; "der nächste zum Sterben ischt der Badlroßknecht. Aber der dertuets leicht no drei Tag!"
"Gehn m'r!" sagt der Much.
Flink wie die Wiesel huschten sie vom Baum in die dämmernden Schatten über den Friedhof und schlüpfen in den Glockenturm. Fledermäuse geistern durch die Lucken und Löcher; die Stiegen krachen unheimlich.
Da hängen vor ihnen die großen, breiten Schatten der Glocken in der Luft.
"Halt' fest", flüstert der Much. Der Joch faßt vorsichtig den Schwengel und hält ihn fest. Der Much knüpft das Seil los und nimmt die Schlingen auf.
"Mier müessn schaugn, ob der Strick guet ischt", sagt der Much heimlich. "Kimm!"
Dann seilt er den Joch an und stößt ihn durchs Fenster. Langsam gibt der Much das Seil nach bis es entlastet wurde. Unten pfeift es.
"Stehst?" fragt der Much hinunter auf den Friedhof.
"Ja"
"Nacher wieder auf!" - wie er den Joch wieder heroben hat, fragt er ihn, wie es tut.
"Es tuet, morgen in der Wand!"
Wieder steht die Haunold-Ostwand da, sauber und blank. Der frische Wind pfeift aus dem Innerfeld.
"Tuet der Herr hiez guet achtgebm", spöttelt der Much, wie er dem Joch das Glockenseil anlegt, "nit mehr danebentappen, allweil föschte Griff nemmen und nit auslassn. sünst fliegt mir der Herr über die Schrofen aus und ischt wieder hin und der Innicher Mesner kann ihm nit amol die Totenglocken läuten ..."
Die Seilrückgabe
Es ist schon stockdunkle Nacht als die Stabelerbuben, hundsmüd und völlig ausgehungert, aus dem Wald herabkommen und über den Friedhof schleichen. Aber die Tür zum Glockturm ist versperrt.
"Ah, Tuiflsschwanz, höllischer", flucht der Much, "was tüen m'r hiez?"
"Da müessn m'r auen, über dö Wand", sagt der Much.
Jetzt erschrickt der Joch und stottert: "Schun wieder a Wand?"
"Die Kirchturmspitz-Westwand, du Lapp!"
Der Much wirft die Schlingen ab und knüpft sich an das Seil.
"I steig voran und du sicherst mi!" sagt er.
"Much?" flüstert der Joch, "i mueß di eppas fragen ..."
Aber der Much greift schon um den ersten Haken am Blitzableiter und klettert empor. Der Joch setzt sich auf den Boden hin, schlingt das Seil um seine Oberschenkel und läßt es langsam hinter dem Rücken hinauflaufen auf den Turm. Wie der Much schon haushoch oben ist und völlig im Dunkel der Nacht verschwindet, bricht klirrend ein Haken aus und rasselt an dem Draht herab.
"Sichern!" schreit der Much. "Eh!" sagt der Joch langsam.
Langsam schlieft das Seil weiter und verschwindet in der Finsternis.
"Nach!" schreit es oben. Da greift der Joch in die Wand und steigt nach. Im halben Turm schlieft das Seil durch das Fenster und läuft über die Staffeln hinauf.
"Much?" schreit der Joch, "i mueß di eppes fragen..."
Er stolpert ihm über die wackligen Stiegenstaffeln nach. Aber erst ganz oben in der Glockenkammer erwischt er ihn und stößt mit dem Grind an die Elferglocken, daß sie singt.
"Bscht, du Dolm!" zischt der Much und bindet den Strick wieder an die Totenglocke.
"Much ... wart ..."
"Was ischt?"
"Much, i möcht di lei fragen, wia m'r wieder obikemmen ..."
"Tuiflsschwanzl" flucht der Much, "auf dös hab i nit denkt. Was agst denn dös nit früher, du Dolm?"
Da hebt der Joch jämmerlich zu schluchzen an. "Läut die große Glocken", sagt er, nacher kemmen die Leut ... nacher tüen sie die Tür auf ..."
"Und der Mesner? Und der Vater?" fragr der Much.
Sie hocken im hintersten Turmfenster und schauen hinunter auf den Freidhof. Es ist über allem eine bange Finsternis, nur die bleichen Totensteine leuchten. Kalt ist die Nacht. Sie schliefen frierend zusammen ein wenig. Irgendwo im Turm ächzt es bange, da spuckt der Much in die Finsternis hinunter und sagt: "Aufkemmen därf ganz und gar nix. Bal i dir dös Totenstrickl obilaß, hebt dös Glöckl oben zu schreien an. Da glauben sie im Dorf, mier sein schun hin. Dös geaht nit. Mier müessn obi, wo mier auen sein."
Mei Knie", jammert der Joch, mei ganzes G'ripp - " und reibt sich die Gegend, auf die er damals im Kar aufgfallen ist, "und nacher, der Hunger!"
"Waarst a Schneider worden!" schimpft der Much, schwingt sich aus dem Fenster und greift nach dem abschüssigen, kaum handbreiten Gesims hinüber zum Draht des Blitzableiters.
"Liebes Schutzengele ... tue mich sichern ...", betet der Joch und preßt sich an die Mauer. Dann tappt er über der finsteren Tiefe nach dem schmalen Band hinüber und steigt dem Bruder nach. Wie er wieder Boden unter den Füßen spürt, schnauft er ein paarmal tief auf und sagt: "Dreimal liaber die Haunold-Ostwand bei Nacht und Nebel, als die ... Kirchturmspitz-Westwand..."
"Im Abstieg ischt sie nit guet", sagt der Much und wischt sich den Schweiß und Mauerbrocken aus dem Gesicht. Sie klettern über die Friedhofmauer und laufen durch das nächtliche Dorf heimzu. Hinten beim Saustall steigen sie ins Haus. Wie sie auf dem Söller stehen, loost der Much hinaus in die Nacht.
"Hiez ham m'r Zeit g'habt", flüstert er.
Die Totenglocke läutet!
"Der Badlroßknecht", haucht der Joch und schlägt ein Kreuz, "guet daß er si Zeit lassn hat ... mit'm Sterben!"
Bild im Hintergrund: Sankt Michaels - Kirche in Innichen (San Candido), Südtirol, Trentino