Ein Gosinger Bergsteiger
und Zahnarzt in Bad Aussee
Gebürtiger Gosauer mit unzähligen Begehungen am Dachsteinstock und in den wildzerklüfteten Zacken des Gosaukammes.
Foto: Sein Lieblingsberg - Die Mütze
(aus Rundflug Gosaukamm)
Gosinger Bergsteigerchronik
www.wolfgang-laserer-buecher.at
Streng limitierte Auflage von 100 Exemplaren, ich darf mich über die Nr.66 freuen.
Aus dem Tagebuch des Bergsteigers
Schneebergwand - Längs
Eine Schneebergwand-Überschreitung
im Jahre 1978
"Berg Heil!" Walter und ich stehen vor der Adamek und begrüßen den Fas, der mit einer Runde Eberschwanger auf der Hausbank beim Bier sitzt. Gerade haben wir die NO-Wand des achten Turmes durchstiegen und dabei eine neue Variante gefunden, 120m, vier Seillängen, davon zwei über eine kompakte Rillenplatte. Das Wetter passt auch, Herz, was willst du mehr?
Egger Walter, schon gut drauf, meint in Hinblick auf unsere gewichtige Statur: "Ah, es Bürscherl kennats enk a bei an Schaufelstü in Schatten stölln..."
Tags darauf machen wir die Längsüberschreitung aller Schneebergtürme, einen "Klassiker", ein reiner Genussdreier, aber hochalpin auf diesen edelsten aller Adamek-Kletterberge. Wir gehen in drei Zweierseilschaften. Die Eberschwanger beeindrucken durch eine Super-Kondi, vor allem der kraftstrotzende Jung-Radiomoderator. Fas meistert souverän jede heikle Kletterstelle, als wir auf der luftigen Gratschneide zwischen dem Großen und dem wildzerissenen Kleinen Gosaugletscher emporturnen....
Gamsfeldpartie
28.Februar 2006: An diesem prachtvollen Wintertag habe ich wieder einmal keinen Tourengefährten, leider. Denn in Gesellschaft ist es einfach viel lustiger am Berg. Doch heute ist ein Freitag, und ich habe mir freigenommen, um sozusagen eine leicht verspätete 50er Jubiläumstour zu absolvieren. Durchs Angerkar geht es überraschend einsam in die Höhe, der Harsch hat zehn Zentimeter Pulver Auflage. Ich bin ganz früh dran, das zweite Auto am Parkplatz.
Beim einsamen Schiwandern hat man dann Muße, die vergangenen Jahrzehnte im Geist vorüberziehen zu lassen, Freud und Leid, Spezln und Bergkameraden, alle die noch auf dera schönen Welt sind (...) Auch jene, die nicht mehr unter uns weilen, kommen einem in den Sinn, und die, welche zwar noch existieren, aber leider im Laufe der Jahre abhanden gekommen sind (...)
Das Gipfelfeld präsentiert sich wie meistens abgeweht und "kruakert", aber dann schwinge ich nahezu schwerelos und einsam hinunter durch den Pulverschnee über die Traunwand mit ihren Hängen. Der Blick gleitet zu der Tauernkette und zum nahen Stoa und Kamm, viele hundert Meter unter mir der Ameisenhaufen der Pistenfahrer auf den schmalen, flachen Waldschneisen des Gosinger Hornspitz. Drüben im allerschönsten Alpental liegt gut einsichtig das "Voderhaus", und dem Chronisten (Der Autor des Buches "Gosinger Bergsteigerchronik") kommt das Lied "Wann i so aufm Berig steh" in den Sinn ...
Unten angekommen ist es noch nicht einmal zehn Uhr vormittag. Weils so schön war, werden nochmals die Felle angeschnallt. Diesmal Aufstieg Traunwand, und die Abfahrt Angerkar - aber die Spezial, denn die "normale" Rinne gleicht mittlerweile einem Ameisenhaufen. Hier aber liegt keine einzige Spur vor mir, und der Schnee staubt ...
Das ist Schiiii-foan-foan-foan-foan...
Der Radler auf der Rinnbergalm wird dann das Tüpfelchen auf dem I ...
Linzerturm Partie
mit Hermann aus Eberschwang am 6. Juni 1976
Heuer liegt noch viel Schnee in den Rinnen. Eigentlich muss man sich wundern, wieso dieser grasige Zapfen bei den "alten" Gosinger Spetzl'n der Hüttenrunde so beliebt ist, bietet er doch abgesehen von der etwas kniffligen Einstiegstelle kaum zwei Seillängen Kletterei.
Hermann Rauchenecker, Hufschmied und Dachdeckermeister aus Eberschwang begleitet heute Herbert und mich, da er diese Tour noch nicht kennt. Der Zustieg vom Steiglweg ist zwar gegenüber den meisten anderen Klettereien im Kamm kurz, besteht aber aus einer typischen und verwickelten "Schrofenkreierei". Dennoch kommt die Gaudi bei dieser Partie nicht zu kurz, und beim "Genussabseilen" im Dülfersitz zeigt es sich, dass den Hermann nichts aus der Ruhe bringen kann.
Foto: Gerhard Egger - 2020
Die Donnerkogel - Nordwand
Sigi Bergler und Leo Clever, waschechte Gosinger, drängten darauf, die Donnerkogel-Nordwand endlich zu besteigen. Dazu luden sie ihren jungen Freund Dorian Clesthaym (vulgo Anatol Saeer, auch im schönen Gosautal geboren) ein. Sie brauchten ja auch einen Träger und der auch die Haken wieder aus dem Fels nimmt. Dorian bemühte sich um Gleichmut und Gelassenheit, als er die Nordwandroute kritisch beäugte. Seine älteren Bergkameraden hatten schon längst ihr kaltes Nordwandgesicht aufgesetzt und strebten dem Donnerkogelgraben zu. Keuchend bemühte er sich den beiden durchtrainierten Sportlehrern zu folgen, die flink und scheinbar mühelos über die Schrofen dem Nordwand-Einstieg rasch näher stiegen. Die Verschneidung, welche Freya - und Zwieselturm vom Donnerkogel trennt, ist das Ziel der drei Wagemutigen. Dorian bekam einen alten Maurerhammer in die Hand gedrückt, um bei der Felsfahrt die verwendeten Haken wieder herauszuschlagen. Leo sicherte und Sigi verkrallte sich schon in das brüchige Gestein. Nach wenigen Metern glitschigen Felsens sahen die Freunde nur mehr sein Hinterteil weit in die Luft ragen, vernahmen gepresstes Atmen und das Seil bewegte sich recht langsam durch die Sicherung. Hammerschläge hallten, Sigi brachte einen Sicherungshaken an. Nun lief das Seil wieder rascher und Leo stieg nach und dann war Dorian selber dran - es gab kein Zurück mehr. Nach wenigen Metern schüttelten ihn die ersten Krämpfe, die Waden brannten. Seine Finger fühlten sich wie taub an, aber schon kam ein wütendes Seilzerren, Befehl zum Nachkommen. Dabei musste er aber das Seil aus dem Karabiner aushängen, was durch den starken Seilzug von oben unmöglich erschien. "Seil!" brüllte Dorian aus Leibeskräften um seine Freunde zum Nachlassen zu bewegen. Plötzlich gab der Karabiner nach, klemmte ihm noch den kleinen Finger ein, konnte aber einen guten Griff fassen und zitternd erreichte er die Kameraden auf einem kleinen Standplatz am Beginn der langen Kaminreihe. Sigi erteilte ihm mit ernstem Gesicht sogleich eine Rüge: "Warum hast den Haken nicht herausgeschlagen und mitgenommen? So ein Haken kostet 13 Schilling!"
,Da hab ich mich auf was eingelassen, dachte Clesthaym und rang nach Luft. Stundenlang kämpften sich die drei in den schattigen, morschen Kaminen empor, stemmten über grindige Klemmblöcke, zwängten sich durch moosige Körperrisse, getrieben vom Überlebenswillen, wieder in die Sonne zu gelangen aus dieser schrecklich zerklüfteten, lotrechten Schrofenwelt. In jeder Seillänge hatte Dorian als Letzter drei, vier alte Haken, sogenannten "Rostgurken" herauszuschlagen, welche ihm Leo am nächsten Stand wieder abnahm und gerade klopfte, aus Bergkameradschaft, versteht sich. Dem Maturanten Dorian fiel nicht auf, dass es immer dieselben Eisenstifte waren. Er, als Greenhorn, hatte ohne Murren selbstverständlich den schweren Rucksack, beinhaltend die beiden Waidsäcke seiner Kameraden - befüllt mit etlichen Dosen Bier - zu schleppen. Schweißgebadet musste er ja auch noch warten, in dieser kurzen Zeit kühlte er schnell aus, bis er mit dem Nachkommen wieder dran war. Kam er zu den Gefährten zu gemeinsamen Stand, so griffen die beiden erfahrenen Alpinisten in seinen Rucksack verdächtig oft nach ihren verborgenen Bierdosen. Mit den Worten: "So hast du es nicht so schwer, bist eh froh", grinsten sie.
"Hier in der Wand ist das Wasser gar nicht kalt, nur eigenartig gelb verfärbt", wunderte sich das "Greenhorn",
Gegen Mittag erreichten sie die Gipfelwand. Noch achtzig Meter zum Ausstieg, zum Holzkreuz, zum Leben. Erstmalig lernte Dorian festen, hellgrauen Plattenfels kennen, der dunkle, schotterige Bruch der Schlucht schien ein Ende zu haben. Schon trug der Wind das Stimmengewirr der Touristen vom Gipfel herunter. Dorian und Leo kauerten auf einem Schuttbändchen, Sigi hing zwanzig Meter weiter oben in der Wand, als plötzlich ein Poltern, dann Jaulen und Sausen über ihnen zu hören war. Steinbrocken aller Größen surrten die Wand hinab. Dorian ließ ein heftiger Schlag auf den Kopf taumeln und schon hing er in der Selbstsicherung. Kreidebleich starrte Leo ihn an, dreißig Zentimeter neben dessen Brustgeschirr war das Seil durchschlagen. Dorians Helm sah aus wie ein Osterei, dann segelte noch vom Gipfelkreuz eine ausgedrückte Zitronenhälfte direkt auf Leos Scheitel, um sich dann in grotesken Sprüngen auf den Weg in die Tiefe zu machen. Bald darauf genossen sie die respektvollen Blicke der Normalweggeher neben dem Gipfelkreuz. Clesthaym streckte sich auf den weichen Rasenpolstern in der warmen Nachmittagssonne. Vergessen war die grausige Schlucht - nun war er ein extremer Alpinist, glaubte er ......
"Aus dir wird nie ein Kletterer," meinte Sigi mit mitleidigem Blick und ordnete die krummen Rosthaken, "eher kann eine Kuh radelfahren lernen!" Und Leo Clever ergänzte: "So ein Sackerl voll Rehkrickerl muss froh sein, wenn es grad gehen kann!" Dabei knackte er die letzte Bierdose.
Entnommen aus dem Buch "Gosinger Bergsteigerchronik" mit freundlicher Genehmigung von Dr. Wolfgang Laserer.
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