Sepp Lichtenegger
Ein Goiserer Bergsteiger,
da "Hausa - Lehra"
verschollen am Matterhorn; vom Zmuttgrat Einstieg in die Westwand, hier löste sich vermutlich in der brüchigen Wand ein Felsblock.
Foto: Däumling, angelehnt an das Niedere Großwandeck,
der Lieblingsberg von Sepp und dem Gosauer Heli Spielbüchler (Schmiedbauern Helei)
Sepp Lichtenegger
ist am 24.August 1909 in Goisern im oberösterreichischen Salzkammergut geboren. Über dem Tal der Traun, im Bergbauernhaus seiner Eltern, am munter plaudernden Bächlein, erlebte der Bub ein sonnig frohes Jugendmärchen. Und er war damals schon ein anderer. Stein, Blume und Wässerlein waren seine Gespielen. Sie erzählten ihm vom lieben Gott und träumten mit ihm in eine lichte, frohe Zukunft. Am liebsten aber plauschte das Büblein mit den hüpfenden Wellen des Baches, die ihm vom weiten, weiten Weg zum großen Meere sagten - und ein Körnlein Sehnsucht fiel in das Herz des Bergkindes.
Die Volksschulzeit, die Zeit im lachenden Kinderland, war um. Der Vater schickte seinen Sepperl in die Lehrerbildungsanstalt nach Linz. Da kam die erste Enttäuschung. Im ewigen Lärm, im ewig pulsierenden Leben der Stadt wurde dem jungen Menschen kein Friede mehr. Ein steinernes Ungeheuer war ihm die Stadt, das die Menschen anzieht wie das Licht die Motten, um sie zu verderben.
Endlich stand er 1928 vor der Reifeprüfung, und er schrieb in sein Tagebuch: "Prüfungen müssen sein, damit die Menschen ein bißchen komplizierter leben können!"
Er bestand diese Schulprüfung mit gutem Erfolge. Nun aber leuchtete die Heimat in seinem Herzen. Die Heimat rief ihn zurück und er war ihr ein treuer Sohn geblieben in all den wechselvollen Jahren der Stadt.
Und er dichtete: "Jubeln möcht' ich:
In der Heimat bin ich wieder,
Wo mich meine Berge grüßen,
Wo die Alpenrosen blühen,
Wo die Vöglein schöner singen,
Wo die Blümlein froher blühen,
Wo die Bächlein trauter murmeln,
Wo die Sonne heller lacht."
Daheim! - daheim! so sang es in der Brust des jungen Menschen.
Der Hohe Kalmberg am 15.Jänner 1932
und eine Herbstwanderung.
Diachtlarin und Geißsteig
Ich kannte den Berg wie keinen zweiten meiner Heimat. Die Nordwand ist im Sommer nur ein hochalpiner Spaziergang, für den, der im steilen Gelände etwas daheim ist. Im Winter jedoch, da hat es wohl noch niemand gewagt. Das reizt mich und lockt mich. Heute, glaub ich, wäre alles recht.
Am Anfang stimmte alles. Eine gemütliche Rinne, erfüllt mit hartgefrorenem Firn, war meine erste Leiter. Nach hundert Meter kostete es schon Schweiß. Der Schnee wurde locker und pulverig und hier sperrten sich meine Skier, die ich nachschleifte. So rannte ich den Pickel ein, band das Seil daran und stieg zurück. Am kurzgefaßten Seil ließen sie sich nachschleifen. Dann kam es noch dicker. Tiefer und immer haltloser der Pulverschnee, nur oberflächlich etwas windgepreßt, steiler und steiler die Hänge, also schon lawinengefährlich! Nichts ist hinterlistiger als der "Weiße Tod"; denn gegen ihn nützt kein Können, ist der Mensch machtlos - und beide nimmt er mit: den Mutigen wie die Memme. Jetzt gab es nur eines - vorsichtig sein. Die Harschrechnung war falsch, der Glaube an ein leichtes, fröhliches Steigen zunichte. So langsam aufwärts wühlend, ging es jener Stelle zu, die mir am meisten Sorge machte, von der ich nicht wusste: Wie? - Hier machte ein ganz anständiger Überhang einen dicken Strich durch meine Rechnung. Hier hätte der Berg ein hartes - Nein! sprechen können. Er tat es aber nicht. Auf einem sicheren Band stehend räumte ich Eis und Schnee von seinem grimmigen Gesicht und hatte nun saubere Griffe und Tritte. Dann spreizte ich höher, kratzte am oberen Rand die Latschen frei, bis sie mir hilfreich ihre grünen Hände entgegenstreckten. Ein Klimmzug - und oben war ich! Schier und Stöcke baumelten lustig am Seile nach. Ein paar weitere Felsstufen leiteten mich auf eine Gratkante, die, von der Sonne hell beleuchtet, mich freundlich lächelnd aufwärts wies. Mit feierlich verhaltenen Schritten stieg ich die letzten Meter noch empor - zum Gipfel. Langsam zog ich das Seil ein, flocht es zusammen, und stieß die treue Eisaxt in den hellen Firn. Die Eisen legte ich dazu - dann jauchzte ich in die stille Weite. Dem Schweigen und der Weite, den Bergen und dem Himmel hingegeben, so lag ich lange in der warmen, lieben Sonne. Ich träumte weltvergessen den Silberbergen der Hohen Tauern, der blauen Zackenkrone des Gosaukammes nach. Es war für mich die große, einsame, blaue Stunde. --- Reinstes Glück im Herzen fuhr ich ab ins Tal.
Ein anderes Mal, da stehe ich wieder am Kalmberggipfel. Es ist im Herbst, in jener Jahreszeit, da die Nebel die armen, leeren Täler decken - und droben die Tage in Blau und Gold verjubeln. Und ich sehe den Gosaukamm und den Dachstein in ihrer himmlischen Herrlichkeit über dem Nebelmeer - meine Heimatberge, meine Herzensberge. Dann wirft sich der Wind in die weißen Wellen und lässt sie hoch aufbranden, so wild und so schön. Wie im Traum sehe ich den König Dachstein mit tiefblauen Segeln fahren auf silberner Flut, hineinfahren in die wallenden Wolken. Dann wird es grau um mich und ich bin allein und einsam auf meinem Bergeiland. Aber es leuchtet überstark in mir von so viel Schönheit. Es werden wieder die goldenen Kampfstunden lebendig in mir und eine heiße Freude brandet hoch auf in meiner Brust! Und wieder schreite ich hochbeglückt ins Tal.
Aus dem Buch "Sepp Lichtenegger - ein Bergsteiger" von Willi Kefer, Goisern.
Rechts im Bild sieht man die Kalmberg - Nordwand
Gedichte vom Hausa-Lehra
Drei Jauchzer
Wenn hoch ich steh' auf Bergeshöh',
Wenn weit ich über Täler seh',
Dann laß ich drei klingende Jauchzer erschallen,
Daß die Berge ringsum widerhallen.
Der erste gilt dem Herrn zum Dank,
Drum ruf ich in den Himmel frank:
Dir, gnädiger Schöpfer, dien' er zum Lob,
Und lasse die Englein sich freuen darob.
Der zweite fliegt zur Heimat hin,
Wo mir die Sonn' zuerst wohl schien;
Und dem Vaterhaus im stillen Wiesengrund,
Samt den Lieben all tu meine Freude kund.
Der dritte fliehet weit ins Land
Und sucht - und sucht - ob er wohl fand? -
O du sehnender Jauchzer, wohin geht dein Flug?
Ich weiß nicht und folge doch seinem Zug!
Schicksal
Morgen schon kannst du zerschellen,
Morgen schon kannst du vergehn -
Im Lebensspiel der Wellen
Vom Tod gezeichnet stehn!
Hörst du nicht ein wimmernd Glöcklein gellen?
Heut' noch krallt sich deine Hand
Um den warmen Fels des Lebens -
Heut' noch stehst du auf festem Land
Und fühlst die Hand des Segens,
Die fest und sicher dich an diese Erde band!
Du eitler Mensch - du Frechling!
Willst gar das Übermorgen wissen?
Du - der nackte Weltenfindling
Willst es nicht - das Glauben müssen!?
Bist ja nur ein armer, dummer Stichling --
Foto: Westwand des Matterhorn mit Zmuttgrat
Die Däumling - Ostkante
Ein Aufsatz des Hausa-Lehrers über die Erstbegehung "Däumling-Ostkante" von L.Macherhammer und S.Lichtenegger aus dem Buch von Willi Kefer.
Verkürzt aufgezeichnet.
Der Däumling hat etwas Kühnes, Herausforderndes, Himmelhochjauchzendes in sich, das am tiefsten und stärksten wohl zu jungen Seelen spricht. Er war auch einer der letzten im Gosaukamm, die dem Menschen den Gipfel zu wehren wussten, und nur einem Würdigen ergab er sich: Paul Preuß, dem Frühmeister im Fels. Damit waren die Zeiten vorbei, in denen man in kindlich einfacher Scheu an ihm vorbeiwanderte, sprechend: "Nein, da kommt niemand hinauf!"
Trotzdem hat er noch immer das gewisse "Etwas" in sich, wenn auch schon ein Schock Menschen auf seinem Gipfel standen. Er wird auch ein ewig junger Berg bleiben! Kein "Berg für alle", die altern müssen, nein, einer, der die ewige Jugend in seinen Felsen hat! Ich habe diesen Berg lieb, weil er kühn wie ein Märchenberg, auf den nur reine Toren den Weg finden, in den Himmel ragt. Wenn ich der Kühnheit ein riesiges Denkmal setzen müsste, ich würde ihn vom Großwandeck absägen und mitten in das Armkar stellen. Und dann würde ich zur deutschen Adlerjugend sagen: "Da müsst ihr hinauf!" - Doch das ist ja nur dummes Gedankengespinst.
Mein Adlerberg besitzt auch seine gebührende Geschichte: Deye, Steiner, Hermüller, Schreiner, Merkl u.v.a. nennt sie. Sie alle trugen wohl etwas von seinem Adlertum in ihren Herzen, darum fanden sie auch Wege auf seinen Gipfel. An diesen Wegen lässt sich nichts aussetzen, denn schwierig und steil sind sie alle. Aber es fehlte immer noch der kämpferehrliche Weg, der den "Stier bei den Hörnern packt". Frei und furchtbar fragen seine Felsen gegen Sonnenaufgang: "Wer wagt es?" So mancher wunschhelle Sonnenstrahl, von jenen Platten zurückgeworfen, fing sich in jungen Bergsteigerherzen. Wer weiß es, wer warb? Wer dort überlegte, bei dem Türmchen (Däumlingerl) vor dem Steilaufschwung der Ostkante? Und vor lauter Wägen hat vielleicht mancher auf das Wagen vergessen. Mein Adlerberg aber schrie es heller der Sonne entgegen: "Wer wagt es!?" -- und reckte sich noch steiler und stolzer dem Himmel zu.
Und wir? Wir hatten auch den Ruf gehört. Die Folge war:
Alle Tage im schwierigen oder schwierigsten Fels des Gosaukammes. Wir härteten uns für einen großen Kampf. Als sich uns endlich dann das Ungewöhnlichschwierige als Gewöhnlichschwieriges zeigte, als uns nur mehr Äußerstschwieriges aufhalten konnte, da glaubten wir, hart genug zu sein. Jedoch an die Däumling-Kante wagten wir uns nicht. Da schenkten uns der Niedere und der Hohe Strichkogel mit ihren Ostverschneidungen an einem Tage gleich doppelt das seltene Glück von unbegangenen Wegen.
Und übermorgen gehen wir auf die Däumling-Ostkante!: Wir wagen es!
Eins im Kampf ...
Am Morgen des 10.September wurde die oftbestaunte Ecke in der Scharwandalmhütte mit den vielen Haken, Schnappringen, Abseilschnüren und anderem "Drum und dran" ganz, ganz leer. Schwer beladen stapften wir dem Abenteuer entgegen. Ruhig und gemessen war unser Schritt. Jedoch - all meinen Willen musste ich einsetzen, um mich in die Ruhe der Felsen zu zwingen, als ich die Kante erblickte. Immer näher kamen wir zum Einstiege. Wie ein Festungsturm wuchtete grau und düster der Däumling über uns. Als wir all die Plattenpanzer, einer unnahbarer wie der andere, von unten erblickten, wurde es gar nicht so siegeshell in uns. Und außerdem war es auch so: Wie der Himmel, so die Stimmung der Seele. Und der versteckte sein schönes Blau hinter seinen, weißen Schleiern. Trotzdem: Wenn auch die Platten Musterbeispiele der drei Steigerungsstufen - glatt, glatter, am glattesten - zu sein scheinen, wir griffen an! Kaum berühren wir die ersten Felsen, da schlagen unsere Herzen frei und froh. Das junge Leben in uns drängt und treibt wider diese irrsinnigen Felsen! Was hilft da Vernunft, was ist Weisheit, was ist da Torheit, wenn ein Berg dein Schicksal ist? Wir laufen das Geschröffe des Däumlingballens hinauf, jeder auf seinem eigenen Wege. Bald wenden wir uns nach links und steigen über angenehm steile feste Schroffen dem Türmchen zu, das fürwitzig als "Däumlingerl" vor dem Steilaufschwung unserer Kante hockt. Nun geht es erst hart auf hart!
Der Überhang des ersten Plattenpanzers hat rechts von der Kante eine schwache Stelle. Dorthin müssen wir einstweilen. Nach einem Quergang nach rechts verkriecht sich ein Haken in einer Tasche, die dummerweise nur bei seitlichem Zug als Griff dienen kann. Dann heißt es aufwärts in halb schönem, halb schwierigsten Fels. Er führt auf einen abschüssigen Stand. Dort "steckt" Lois einen zweiten Haken in eine breite Ritze. Dann muss er sich erschöpft abseilen. Mit dem zweiten Seil ziehe ich ihn den Quergang herüber. Nun komme ich an die Reihe und genieße wohlgesichert dieses Einführungsstück der Däumling-Kante. Am letzten Haken hängend, spähe ich nach dem - Weiter! Oh, dieser Überhang! Er ließ sich von mir "schön tun", biß hartnäckig überall zusammen, damit ich ja keinen Haken hineinbrächte, zeigte mir darüber wieder nur Wülste und Überhänge, gab mir zum Abschied einen schönen. guten Griff mit und entließ mich. Zerknirscht rutschte ich zum Freund hinunter, denn was ich dort oben gesehen hatte, konnte nur mit "unmöglich" bezeichnet werden. Schon hier fast unüberwindliche Schwierigkeiten! Wäre es nicht gescheiter, umzukehren?
...... Aber da schnellte Lois auf, geschmeidig turnt er höher, entschwindet meinen Blicken, und nach langen, bangen Minuten klingen hell und froh Hammerschläge herab zu mir. Kurz darauf ruft er: "Nachkommen!" Das Tor war offen!
Wir hatten nun einen Riss gewonnen - einen Riss! Das will an der Däumling-Kante schon etwas heißen. Der Wulst des zweiten Plattenpanzers verhinderte den unmittelbaren Weg empor. Wir wichen nach links aus und es lohnte sich wirklich. Da gab es eine Überraschung. Gutes Gelände! So gut, dass wir zwei Seillängen nur so emporstürmten. Keinen einzigen Haken brauchten wir.
Plötzlich bäumt sich der Fels wieder wild auf. Die Kante wird senkrecht und glatt. Und überall Platten.
Gerade empor - unmöglich! Also ein bisschen in die Nordwand pendeln und schauen. Hier sieht es trostlos aus. Bleibt nur noch ein Ausweg - nach links. Wir seilen uns ein Stück zurück. Von einem kleinen rasigen "Stehplätzchen" ziehen links von der Kante von der Kante einige Graspolster verheißungsvoll aufwärts. Hier ist die letzte Möglichkeit eines Weiterweges. Und es ging dort wirklich. Drei Haken bissen in die schwierigen Platten. Drei Freunde ließen wir dort zurück, drei feste Halte in der erbarmungslosen Haltlosigkeit jener Felsen. Der Lohn ist ein wundervoller Sitz, ein Geschenk für all die Kühnen, die bis dorthin vordringen. Ein Sitz auf grünem Rasen, ohne dass die Beine übern Abgrund baumeln müssen - das ist die zweite Überraschung auf unserem Wege. Doch weiter, weiter. Der Ringwulst, der das Haupt unseres Berges wie ein Kronreif schmückt, war bereits sichtbar. Wir arbeiteten uns an ihn heran. Ein äußerst schwieriger Riss mit "Laubfroschhaftung", eine äußerst schwierige Platte und wieder ein kurzer Riss - ein Stand mit Haken ist gewonnen. Wir stehen unter einem wüsten Felsungeheuer. Es sieht fast überall gleich unmöglich aus. Drei Haken haben wir noch. Ein Blick auf die Uhr - unter allen Umständen Rückzug und Abstieg.
"Gerade hinunter ist immer der kürzeste Weg", meint Lois. Die Nordwand ist steil und glatt und darum am besten zum Abseilen. Der letzte Haken summt in den Fels. Wir müssen nun in den Preuß-Kamin. Am Einstieg des Preuß-Kamins angelangt, brach die Dunkelheit herein und Lois sagte nur das eine Wort: "Romantisch". Weniger romantisch war die Stolperei zum Steiglweg. Trotz allem aber wußten wir, den Weg, den wir heute zum ersten Mal gegangen waren, wir würden ihn vollenden!
Und nochmals Kampf ...
Der nächste Tag. Grau und mißmutig schaute er durchs Fenster der Scharwandalmhütte. Erst allmählich wurde klares, schönes Wetter.
Doch Lois hatte eine böse, geschwollene Backe bekommen, hat blutende Fingerspitzen und erklärt: "Mit dem Klettern ist's heute nichts."
So gern hätte ich den Weg heute noch vollendet! Sollen mir vielleicht andere das letzte Glück dieses Weges rauben? Nein! Jenes wilde Land, das bisher unbetreten war, ist mein! Und wenn ich allein dort zugrunde gehen muss - das volle Glück dieses Weges ist es mir wert. Mit diesen Gedanken verabschiedete ich mich von meinem Freunde. Ich will mir das Schlußstück von oben ansehen. Ich lief mehr als ich ging. Mit fliegendem Atem stand ich beim Einstieg. Niemand war auf der Kante! Beruhigt zog ich die Schuhe aus und stieg den Daumenballen aufwärts. Freilich, jeder Schritt tat weh. Nach vorher finsteren Gedanken wurde mein Herz fröhlich und frei, und ich stemme und spreize den Preuß-Kamin bis zum Abseilhaken. Die Seile ließen sich gutmütig abziehen und feierlich rollte ich sie ein.
Da -- was gibt's? "Hallo! Hallo! Wo bist' denn!?", ruft jemand aus dem Kar.
"Ja, Lois, bist es du"?, schrie ich zurück. "Kimms't a?"
Es klingt wie ein Jauchzer: "Ja!" -- "Bring d'Schlosserei mit!", antwortete ich darauf. Dann schaffte ich die beiden Seile bis knapp unter die Däumling-Scharte und kletterte wieder zurück, meinem Freund entgegen. Wo der Kamin ein schönes Aussichtsplätzchen bot, blieb ich sitzen und sang all die Berglieder, die ich kannte. Ab und zu jauchzte ich von meinem Horst in das grüne Tal und in den blauen Himmel, denn ich war unsagbar glücklich. Da klingelt es hell und nah. Freund Lois ist einige Meter unter mir und sagt beruhigend: "Es ist halt doch ganz was anderes, wenn man so in einem Kamin eingezwickt ist, dass man gar nicht hinunterfallen kann." Die Ausstiegsrippe des Preuß-Weges ist sicher kein Plauderweglein. Doch wir waren schon daheim im schwierigen Fels. In der Däumling-Scharte wurde die Uhr befragt, dann verfolgten wir den Preuß-Weg weiter bis auf den Gipfel. Hier wurden die Weg-Aussichten unserer Ost-Kante von oben studiert. Dann stiegen wir etwas gegen Osten ab und seilten uns vierzig Meter ab bis zu jenem Punkt, wo wir gestern unsere lustige Abseilfahrt über die Nordwand begonnen hatten. Lois wollte ein Seil "für alle Fälle" hängen lassen. Ich ließ es nicht zu, denn an unserem Wege sollte kein Makel sein. Da pfiffen die Seile durch die Luft, als wir sie abzogen - und wir sind so weit wie gestern.
Leider, der "ideale" Ostkantenausstieg sieht gar zu böse drein. Daher queren wir nach links zu unserem "Stand mit Haken" unter dem Gipfelringwulst. Hier gibt's den letzten Kampf. Die Welt versinkt um uns. Mit wildem Fanatismus, der nur eines kennt: Empor! kämpfen wir weiter. Heute haben wir ja Haken - wohl fünfzehn an der Zahl! Zwanzig Meter links von uns zeigt der wilde Wulst eine Bresche, doch sind bis dorthin steile, glatte Platten. Wir müssen trotzdem irgendwo da hinauf! Einige Meter schief links aufwärts, dann gerade empor durch einen ganz feinen Riss (Haken) und über äußerst schwierige Platten ganz an den Überhang. In ungewöhnlich kraftraubender Kletterei (mehrere Haken) über ihn etwas links hinweg und ziemlich gerade empor zum Ausstieg (Steinmann). Wenige Schritte noch bis zum Gipfel.
So haben wir es im Fahrtenbuch der Scharwandalmhütte eingetragen - und es liest sich leicht.
Wir jedoch, der Lois und ich, wir haben dort zweieinhalb Stunden gerungen um jene paar Meter Weg. Der Berg verlangte dort unser Letztes, was wir zu geben hatten. Eine Stelle ist mir ganz lebendig in Erinnerung: Ein "Hauch" von einem Riß zieht durch eine Platte. Die Hände stecke ich Rücken gegen Rücken in denselben, kralle wild die Enden der Finger in die Ritze, stecke die Zehen in "senkrechter Reihe" und muß noch dazu aufwärtsklettern. --
Ein gar nicht langer Seil-Quergang verspräche zwar eine Umgehung des Überhanges, doch wir wollen dem Ungetüm nicht ausweichen und dem Preußausstieg nicht zu nahe kommen. Mit den Haken sparten wir dort wirklich nicht, denn wir wollten nicht 40 Meter vor dem Gipfel noch "hinunterfallen" --
und dann war der Weg u n s e r !
Abstieg ..... Die Sonne ist im Untergehen. Ihr Licht ist wie das Glück in uns -- goldig, mild und voll Liebe. Doch für uns bedeutet es schon wieder eilen!
Also: Abseilen am Schreinerweg (NW-Wand) bis zur Scharte.
Seilverklemmung - Lois klettert zurück - wirft sie herunter - klettert frei ab - ich rolle es ein - schultere eines - stürme im "Laufschritt" die Felsen des Großwandecks.
Seltsam - Der Abstieg war ein Aufstieg auf einen anderen Berg.
Ausklang . . .
Der Freund ist weit voraus. Er hat ja Kletterschuhe. - Ich aber humple recht armselig, so gar nicht siegermäßig, das Geröll des Armkares abwärts. Jeder Schritt ist eine Qual für mich, die Fußsohlen brennen und die Zehen und der Ballen sind offen. Und selbst das Gras ist dort hart und spitz und versagt mir jeden weichen Tritt. Und müde, müde bin ich auch. Da setze ich mich, um ein bißchen zu sinnen und zu rasten.
Ganz grau ist mein lieber Däumling. Kein Stern am Himmel - nur dunkle Wolken. Ich zweifle wieder zwischen Tag und Nacht. Ist wirklich alles grau? Tag, Tag, nimm mich doch mit mit meinem hellen Glück!
Sieh da! Dort, hoch oben, so unwahrscheinlich hoch, gerade über dem Gipfel, stürmen Wolken ostwärts, einem neuen Tag entgegen. Grau sind auch sie. Doch über sie schüttelt der scheidende Tag seinen letzten goldenen Staub aus. Und dann blühen noch Rosen auf ihren grauen Wellen. - Und - jetzt sind sie genau so grau wie die, die tiefer ihre Wege ziehen. Und ich bin wieder einsam mit meinem hellen Glück.
Es greift mir so feierlich ans Herz: Ich weiß es, ihr Wolken dort oben, ihr grauen Wanderer, ich weiß es: einmal, da ward ihr golden, einmal truget ihr Rosen, einmal habt ihr geleuchtet im Glück. Und ihr werdet wieder glühen und leuchten, vielleicht morgen schon. Berge und Wolken, euch hab ich so lieb. Ihr seid meiner Seele Wandergesellen: Berg, du für die Erde, Wolke, du für den Himmel. Doch diese Stunde eint euch zu einem: Zum Glück. Herrlich seid ihr beide. Denn die Herrlichkeit dessen, der euch werden ließ, ist ohne Ende.
SEG - Kommentar zur Däumling - Ersteigungsgeschichte:
Diese kühnaufstrebende Plattensäule, westlich mit einer kleinen Scharte mit dem Niederen Großwandeck verbunden, stürzt nach den drei anderen Himmelsrichtungen Norden - Osten - Süden mit etwa 400m hohen, senkrechten, glatten Plattenwänden ab.
Er ist ein allseits nur sehr schwierig zu erreichender Gipfel. Klettertechnisch der schwierigste Berg des gesamten Dachsteingebirges.
Erstiegen aber über alle Wände schon. Die Erstbesteiger waren die hervorragenden Kletterkünstler
Paul Preuß und Georg von Saar im Jahre 1913; 18. September
Die Erstbesteigung von Osten über den Kantenaufbau erfolgte am 10.und 11.September 1932 von Sepp Lichtenegger und Lois Macherhammer nach obigem Aufsatz von Sepp.
Die beiden großen Kletterer lebten in einer furchtbaren Zeit der Arbeitslosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Man kann es erahnen bei Sepp's Gedichten und den hoffnungslosen Gedanken, die ihn nicht mehr losließen. Er ist am Matterhorn im Jahr 1935 gestürzt, aber dadurch blieb ihm auch der nahe Kriegseinsatz erspart. Denn sein Freund und Weggefährte Lois erlitt 1943 in Sizilien den Fliegertod.
Lois war Linzer, Sepp besuchte auch in Linz die Lehrerbildungsanstalt und so entstand eine tiefe Freundschaft der beiden.
Die Geschichte von Sepp kennen wir ja, aber von Lois ist wenig bekannt.
Lois wurde am 12.5.1912 geboren, bezog die Lehrerbildungsanstalt in Linz, wo auch der Hauser-Lehrer maturierte, der mit dem Bruder von Lois studierte. Sein Traum als Turnlehrer und Turnprofessor ging aus Geldmangel in dieser bösen Zeit nicht in Erfüllung. Er war Lehrer in Landschulen und Leiter der Bergsteigerjugend. Er war wie Sepp ein geistig hochstehender Mensch, bescheiden und treu.
Er war ein vielseitiger Sportsmann: Turner, Leichtathlet, Schwimmer, Skiläufer usw. und vor allem Bergsteiger und Kletterer. Lois traf mit Sepp, der ihn ja schon über seinen Bruder Heinrich Macherhammer kannte, am Schartenmanndl im Gosaukamm zusammen und verband sich mit ihm zu der überaus erfolgreichen Zweierseilschaft. Neben der bekannten Däumlingkante wurde auch die Nordwand des Niederen Großwandecks zusammen mit Sepp erstbestiegen. Weiters von den beiden die erste Winterbegehung der direkten NW-Kante der V.Kopfwand. Die Erstbesteigung der direkten Westwand erfolgte von Lois mit zwei anderen Bergkameraden am 28.8.1935. Sepp Lichtenegger war zu diesem Zeitpunkt schon am Matterhorn gestürzt. (26jährig am 31.7.1935)
Lois Macherhammer war in der letzten Stunde des Bergkameraden bei ihm. Sie befanden sich bereits einige hundert Meter unter dem Matterhorngipfel am Zmuttgrat. Sie querten in die Westwand, jeder seinen eigenen Weg nehmend. In 15 Meter Abstand kletterten die beiden Freunde nebeneinander. Und in die lichten Pläne der Zukunft schrie der Tod. Sepp suchte halt am brüchigen Fels. Da löste sich ein großer Block.
Ein Schrei - ein Schwanken - ein Stürzen - Lois war allein.
Bald griff aber auch der Tod nach Lois. Er wurde als Navigationslehrer zur Luftwaffe eingezogen und als Kampfbeobachter fand er am 27.Juli 1943 mit 31 Jahren den Fliegertod.
Aber auch Gosauer Bergsteiger bestiegen diesen Berg, auch über die Ostkante.
Der Schmiedbauern-Helei bestieg diesen plattigen Turm 52 mal, das dürfte rekordverdächtig sein, wie auch sein Bergkamerad Josef Reiter, beide beim BRD-Gosau.
SEG: Gerhard Egger